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AUF DER METALCOUCH -X-Mas-Extended-Version (Legacy 70/Dezember 2010)

Posted in - Auf der Metalcouch on Dezember 4th 2010 0 Comments metal-couch

Weihnachten auf der Metalcouch…

…mit Mikis Wesensbitter

…geht es heut drunter und drüber. Dabei ist doch Weihnachten, und da herrscht auf der Metalcouch ja traditionell Freude und Eintracht. Aber lest einfach selbst. Doch halt, bevor Ihr mit dem Lesen anfangt, solltet Ihr es euch gemütlich machen. Eine bequeme Position wählen, ein schönes Zigarettchen (Metalcouchleser sind doch alle irgendwie Raucher, oder?) und natürlich ein schönes kaltes Bier zur Hand haben. Am besten eins aus den Nordlanden, oder vielleicht ein spanisches Lagerbier. Ein deutsches Bier tut’s natürlich auch.

Nachdem die Metalcouch in der letzten Ausgabe wegen eines Bombenfundes evakuiert wurde, kehrte bald wieder Ruhe ein. Der Weltkriegsblindgänger wurde entschärft und ich konnte zurückkehren in die unversehrten heiligen Hallen. Natürlich war erstmal eine Aurareinigung fällig, und zwar eine richtig große. Denn die Abholaktion durch die Bullerei hatte deutliche Spuren in der Atmosphäre hinterlassen. Ich putzte, räucherte und reinigte bestimmt drei Tage lang, bevor wieder alles so schön und unverdorben war, wie ich es kannte. Und dann war auch schon die Zeit reif, für den Tannenbaum und die ganzen Accessoires. Die Tanne kam in diesem Jahr aus Schweden, war schlank und rank und macht sich in der traditionell-inversen Position von der Decke hängend wunderschön. Geschmückt ist der Baum mit handgeschnitzten kleinen Gehörnten und Dunkelelfen aus dem Erzgebirge, mundgeblasenen Kugeln in Schwarz und natürlich ordentlich Lametta. Unter dem Baum rattert wie jedes Jahr der Jul-Express, der in seinen Güterwagen kühle Bierspezialitäten aus aller Welt spazieren fährt und nur zu gerne an der Station „Metalcouch- Hauptbahnhof“ anhält, um den durstigen Kolumnenschreiber mit frischem Genuss zu versorgen. In diesem Jahr ist der Hauptbahnhof ein Kopfbahnhof, was mich zwar in der Gestaltung der Strecke und ihrer technischen Umsetzung einiges an Zeit und Kraft gekostet hat, aber das war es allemal wert. Nicht unbedingt wegen der Solidarität mit den Stuttgartern, sondern mehr um dem Zeitgeist und dem modernen Fortschritt mal wieder ein Schippchen zu schlagen. Natürlich gibt es auch ein Buffet, hübsch angerichtet und mit allerlei erlesenen Delikatessen, das gehört sich schließlich so. Jetzt fehlt eigentlich nur noch einer, nämlich der Stargast des Abends. Stammleser wissen längst wer das wohl sein wird, denn der Weihnachtsmann kommt ja hier jedes Jahr zu Besuch, wenn er seine Schicht beendet hat, seinen Frust über die modernen Mütter loswerden will und noch ein paar Drinks braucht, um sich so richtig die Kante zu geben.

Komischerweise klingelt er in diesem Jahr aber früher als sonst. Ich schaue vorsichtshalber durch den Spion, nicht das es wieder die Bullen sind, die mich evakuieren wollen, denn noch einmal würde ich diesen Blödsinn garantiert nicht mitmachen. Ich kann kaum was erkennen, draußen herrscht dichtes Schneetreiben, aber wie Uniform sieht es nicht aus. Als ich die Tür öffne, steht vor mir eine schneeflockenumtoste Gestalt, die mir wage bekannt vorkommt und mit bibbernden Händen um Hilfe fleht. Ich ziehe das Häufchen Elend ins Haus hinein und rette es in die wärmeren Gefilde. Ich schau ihn mir genauer an und sehe das er Eiszapfen an seinem Drei-Tagebart hat und sein dünnes 80er Jahre Jäckchen wohl kaum für die winterlichen Temperaturen taugt. Normalerweise würde ich so jemanden ja nie reinlassen, aber schließlich ist Weihnachten und da regiert die Nächstenliebe. Während sich er unter der heißen Dusche zurück ins Leben bringen lässt, suche ich Klamotten für ihn. Und da bin ich nicht zimperlich, und krame in den ganz dunklen Ecken des Schranks. Der hellblaue Trainingsanzug von Puma, ein lindfarbenes Longsleeve von Lacoste und Tennissocken (lauter so Kram, den mir Mutti geschenkt hat, und den ich im Leben nie anziehen werde) sind genau das richtige für meinen Gast, schließlich halten sie schön warm. Ich schiebe das Zeug unter der Badezimmertür durch und setze einen Glühwein an, denn Wärme kommt schließlich auch von innen.

Als ich gerade die Glühweinbecher füllen will, kommt mein Asylgast in die Küche und als ich ihn anschaue, lasse ich vor Schreck den Topf fallen und verbrenne mir die Füße. Jetzt weiß ich, warum und woher er mir bekannt vorkommt. Es ist niemand anderes als der Leibhaftige, es ist George Michael. Die Klamotten stehen ihm hervorragend, er sieht aus wie in seiner besten Zeit in den 80ern. Aber das macht es keinen Deut besser, eher im Gegenteil.

„Was zur Hölle willst du hier? Geh weg, verschwinde, du bist hier vollkommen fehl am Platz!“ schreie ich ihn in an. (Die Dialoge habe ich mal übersetzt, denn selbstverständlich kann man mit so einem Besuch nur Englisch sprechen)

„Ich habe eine Einlandung bekommen. Mister Santa hat mich herbestellt.“

„Du lügst! Du hast immer gelogen! Du bist eine einzige Lüge George Michael!“

„No, no, no! Hier check meine Mail!“ Und er hält mir sein I-Phone (3G natürlich) entgegen.

Und da steht wirklich: „Hello George, treff dich am heiligen Abend auf der Metalcouch. Adresse ist….“ (die lasse ich jetzt mal weg, nicht das hier noch andere abgehalfterte Ex-Stars antanzen! Anm. des Verfassers)“

Und da ertönen vor dem Fenster die Glöckchen, es rauscht, es läutet und auf der Wiese landet der Rentierschlitten. „Mister Santa ist da!“ ruft der schreckliche George und hüpft wie ein dreijähriger, vor Freude in die Hände klatschend, durch die Küche. Mir ist viel weniger euphorisch zu Mute, mir ist eher ganz anders!

„Hohoho! Der Wesensbitter grummelt!“ begrüßt mich der Weihnachtsmann, der ausgesprochen gutgelaunt ist und eine Fahne hat, die selbst den Grizzlybär im Wald umhauen würde. „Hier komm helf mit, ich hab feine Getränke dabei. Oh und da ist ja auch schon der Michael George. Du kannst dich auch gleich nützlich machen, und beim abladen helfen!“

Und dann schleppten wir Kästen, Säcke und allerlei undefinierbares Zeug ins Haus, bis man in den heiligen Hallen kaum noch wandeln konnte. George Michael blickte immer wieder verblüfft auf meinen Tannenbaum und die Eisenbahn und schnappte sich heimlich ein Dorado aus Spanien, das er auf Ex austrank.

Als der Schlitten leer war, dirigierte mich der Weihnachtsmann in die Küche, drückte mir ein kühles Brygg Bier aus Schweden in die Hand und sagte: „Hoho mein Freund, jetzt entspannst du dich erst mal und wir machen die Bescherung fertig. Aber sei ja artig und versuch nicht durchs Schlüsselloch zu schauen. Schließlich soll das ja eine Überraschung werden! Prost!“ Wir stießen an und er ließ mich allein in der Küche. Auf die Überraschung hatte ich ja nun gar keinen Bock mehr, das konnte ja nur grausam werden, wenn George Michael dabei eine Rolle spielte. Ich hörte sie räumen und schieben und dann vernahm ich eine neue, noch unbekannte Stimme, offensichtlich war da noch jemand gekommen.

„So Herr Wesensbitter, dann bitte ich zur Bescherung“ holte mich der Weihnachtsmann aus der Küche ab und führte mich in den Salon, den ich kaum wieder erkannte. Quer durchs Zimmer war ein Vorhang gespannt und auf dem Tisch stand eine große, eine sehr große Torte. Mindestens fünfstöckig war die und mit schwarzen Figurinchen verziert. Die Eisenbahnstrecke war verlegt, der Kopfbahnhof befand sich nun in der Zimmerecke und die fleißige Bierlokomotive stand auf einem Haltegleis.

Wir setzten uns auf die Couch, der Weihnachtsmann kraulte seinen Bart und reichte mir ein Karjala. „War das heut wieder eine Ochsentour, ich glaub ich geb den Job langsam echt ab. Das wird mit jedem Jahr blöder, die Muttertiere riechen immer unangenehmer, so als wenn sie vor lauter Stress zwei Wochen keine Zeit zum waschen hätten und das ganze dann mit Laura Biagotti und Jil Sander übertünchen müssten. Diese Mischung zerfrisst mir echt die Nebenhöhlen. Und die Plagen werden immer verzogener, kennen kein einziges Gedicht und anstatt Respekt zu zeigen, fuchteln sie ständig mit ihren Handys herum. Ich würde die lieber ordentlich in ihre Fettärsche treten, als denen noch Geschenke zu geben. Und freuen tut sich schon lange keiner mehr, immer nur zackizacki alles auspacken und dann Fresse ziehen, weil keine Move im Paket ist oder keine neue Playstation. Und dann haben sie keine Zeit mehr, weil sofort ein neuer Clip bei Youtube oder Facebook hochgeladen werden muss. Was für eine  beschissene oberflächliche Welt ist das nur geworden. Willst du nicht mein Nachfolger werden?“

„Och nö, lass mal, ich glaub ich bin da auch keine gute Alternative.“

Aber zumindest fühlte ich mich schon entspannter, denn wenn der anfing über das schreckliche Leben als Weihnachtsmann zu lamentieren, dann begann meist der gemütliche Teil des Abends. Außerdem war George Michael verschwunden und das fand ich sehr beruhigend. Wir stießen mit einen feinen Aquavit an und dann hob er verschwörerisch die Hand. „So, und nun kommt die Überraschung. Weil heute nämlich nicht nur Weihnachten ist, sondern auch ein besonderes Jubiläum ansteht, da hab ich mir gedacht, ich bereite dir mal eine Freude, die du nie vergessen wirst.“

„Jubiläum? Was denn für ein Jubiläum?“

„Ha, hab ich’s doch gewußt, das du das verpeilst. Früher hast du da mehr drauf geachtet, aber in den letzten Jahren bist du zunehmend vergesslich geworden. Deine Metalcouch wird 55 Alter! Herzlichen Glückwunsch! Und jetzt Vorhang auf!“

Und daraufhin öffnete sich der Vorhang und auf der improvisierten Bühne standen sie, mit dem Rücken zu uns und als die ersten Klänge der Musik ertönten, drehten sie sich um und begannen zu singen. Wham! Die echten, verachtungswürdigen und furchtbaren Wham! In Originalbesetzung und sie sangen „Last Christmas…“ den schlimmsten Weihnachtssong, den es jemals auf dieser Welt gegeben hatte. Ich wollte fliehen, ich wollte mich verstecken, ich wollte weg, aber der Weihnachtsmann hielt mich fest und zwang mich mit ihm zu schunkeln. Ihm standen Tränen der Rührung im den Augen und ich war mir sicher, das ich ihn nie wieder einladen würde. Als das Lied endlich zu Ende war, legten sie mit „Wake Me Up Before You Go-Go“ gleich den nächsten Nervenkiller nach und spielten sich anschließend durch ihr Repertoire. Der Weihnachtsmann moshte inzwischen mit weit offenem Mantel auf der Couch herum und trat mich so lange in die Seite, bis ich widerwillig mittanzte. Was für eine Schande, was für eine Schmach! Als Zugabe waren sie sich nicht zu fein noch einmal „Last Christmas“ zu performen und der völlig durchgeknallte Weihnachtsmann zwang mich zum Engtanz. Ich wurde fast ohnmächtig, und zählte die Sekunden bis es endlich vorbei war.

Danach legte George ein paar straffe Lines auf den Couchtisch, direkt zwischen den Elchschinken und die Rentierbulettchen. Sein Partner Andrew und der Weihnachtsmann zogen wie die Teufel und ich hielt mich zurück. Irgendwann mussten George und Andrew dann gehen, sie bekamen einen prall gefüllten Umschlag und ich lehnte es ab, mich zum Abschied umarmen zu lassen. Die Klamotten schenkte ich ihm.

„War das ein Fest, war das ein Zauber! Davon träumen Millionen Weiber auf der ganzen Welt, einmal in ihrem Leben Wham! zu Besuch zu haben. Und du musst zugeben, sie sind noch genauso gut wie damals. Obwohl sie seit 25 Jahren nicht mehr zusammen aufgetreten sind.“

„Aber warum Wham!? Das hier ist die Metalcouch, da passen die so was von überhaupt nicht rauf! “

„Kontrastprogramm Herr Wesensbitter, Kontrastprogramm ist die wahre Triebfeder und macht das Leben erst bunt. Wären dir die Scorpions etwa lieber gewesen?“

„Nee, aber vielleicht Fleurety, oder so was.“

„Halt einfach die Klappe du undankbarer Wicht, sonst bring ich im nächsten Jahr Roland Kaiser oder Roger Whittaker mit. Und jetzt darfste uns einen flotten Grindcore  auflegen und dich freimachen. Denn jetzt will ich dich in die Torte springen sehen. So wie damals zum 25.Jubiläum. Auf geht’s! Wir sind hier schließlich nicht in der Schwühlendisco!“

Und damit wurde es doch noch ein gemütliches Fest. Ich sprang mit freiem Oberkörper in das Backwerk, so das Sahne und Schokolade nur so durch die Gegend spritzten, ich begoss mich mit finnischem Bier und ich ließ mir mit Kerzenwachs eine große „55“ auf den Rücken malen. Dann moshte ich mit dem Weihnachtsmann zu richtiger Musik, wir zelebrierten Couchdiven und wir tanzten Polonaise bis draußen der Morgen graute und wir so granatendicht waren, das wir zusammen „Abschied ist ein scharfes Schwert“ sangen.

Feiert Weihnachten, wie es Euch gefällt und ladet nur Leute dazu ein, die ihr wirklich sehen wollt. Versucht nicht auf einer Silvesterrakete ins neue Jahr zu reisen und vor allem mögen die Brauereien Eures Herzens vor emotionalen Frosteinbrüchen geschützt sein.

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