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LESEPROBE: HÖRT FRANKA EIGENTLICH NOCH BLACK METAL?

Posted in - Bücher & Entertainment on Juli 28th 2016 0 Comments frankacolweb

Hört Franka eigentlich noch Black Metal?

Kapitel 1

Routiniert wie immer ließ ich den ganzen Werbemüll mit einer geschickten Drehbewegung des Handgelenks direkt vom Briefkasten in den Abfalleimer flattern und überlegte, ob ich mir dieses Ritual nicht auch langsam sparen könnte, indem ich den Briefkasten einfach abbaute. War eh nie was Wichtiges für mich drin, nicht mal mehr Rechnungen, seitdem ich alles abbuchen ließ. Und dann entdeckte ich zwischen den bunten Prospekten einen Brief.

An mich adressiert, die Adresse von Hand geschrieben, die Briefmarke mit Elchporträt. Ohne Absender. Was war das denn?

Sobald ich in meiner Wohnung war, machte ich mir ein Bier auf. Ich wog den Brief immer wieder in meinen Händen. Wann hatte ich das letzte Mal einen Brief bekommen? Vor vier Jahren, oder waren es schon fünf? Jedenfalls lange genug, dass ich mich nicht traute, ihn einfach so zu öffnen. Ich trank noch ein Bier und dann noch eins und überlegte die ganze Zeit, von wem der Brief wohl sein könnte. Irgendwann hielt ich es dann doch nicht mehr aus und schlitzte den Umschlag vorsichtig auf.

 

Lieber Kirk!

 

Lang, lang ist’s her, und ich hätte Lust, dich mal wieder zu sehen. Das Leben geht seine eigenen Wege. Manchmal sind sie nachvollziehbar, meistens jedoch nicht. Ich denke oft an früher, bin dann froh, dass es ein Früher gibt, und noch mehr, dass es nicht mehr so ist. Neugierig? Im Brief findest du eine Zugfahrkarte und ein Fährticket. Ich hole dich in Ystad ab.

 

Bis bald, Franka

 

Franka? Merkte die noch was? Ich konnte mich noch genau an den Morgen erinnern, als ich wach wurde und neben mir anstelle ihres warmen Körpers nur dieser Zettel lag: Bin weg, such mich nicht. F.

Bei der Erinnerung daran überlief es mich eiskalt. Wir waren fast drei Jahre zusammen gewesen, hatten zwei Jahre zusammen gewohnt, und dann war sie plötzlich verschwunden. Ohne Vorzeichen. Sie hatte nichts mitgenommen, sogar ihre Unterwäsche hing noch auf der Wäscheleine oder lag nach Farben sortiert im Schubfach. Das Einzige, was fehlte, war mein Fuck-Me-Jesus-Longsleeve. Sechs Monate hatte ich es ausgehalten, zwischen ihrem ganzen Kram zu delirieren und zum Speed-Junkie zu werden. Dann hatte ich alles in Kisten gepackt und zu ihren Eltern gebracht. Die hatten auch nichts von ihr gehört und waren erschrocken über mein Aussehen.

franka bus

Ohne ihren Kram um mich herum ging es mir besser. Ich hörte auf, auf sie zu warten, und kam von den Drogen runter. Und nun, nach all den Jahren, lud sie mich aus heiterem Himmel nach Schweden ein. Ich nahm einen metallischen Geschmack in meinem Mund wahr und eine Gier, die ich seit Jahren nicht gespürt hatte. Es dauerte ungefähr zwölf Sekunden, bis die alte Blechdose aus dem hintersten Winkel meines Kleiderschranks hervorgezaubert war, und ein akkurat gebauter Joint zwischen meinen Lippen klemmte. Ich inhalierte tief und dachte: ‚Welcome back! Franka, du blöde Punze, du wirst es ohne Probleme schaffen, mein Leben ein zweites Mal zu zerstören.‘

Später, als ich im Bett lag, beobachtete ich, wie das Scheinwerferlicht der vorbeifahrenden Autos sich an der Wand brach und den alten Spruch Wir existieren nicht, es existiert uns! aus der Dunkelheit auftauchen ließ. Den hatte sie damals an die Wand gesprüht, und obwohl ich ihn bestimmt vier Mal überstrichen hatte, war er doch plötzlich wieder da und stimmte genauso wie damals.

Coverbild Hört Franka eigentlich noch Black Metal by BerlinFotografin.de

 

Eine Woche später stieg ich in Sassnitz auf die Fähre. Ich wartete, bis der Shop endlich öffnete, holte mir eine Tuborg-Gold-Palette und setzte mich aufs Deck. Der Wind wehte frisch aus Nord, und das Stampfen der Motoren erinnerte mich an vergangene Zeiten. Genauso wie das Pärchen, das sich laut streitend auf die Bank vor mir schob.

„Ich sag es noch mal, Dunkelheit war Burzums bester Song.“

„Mann Alter, gib’s auf. Wenn das Licht uns nimmt war’s. Und das wird auch in zwanzig Jahren noch so sein.“

Ich öffnete zwei Büchsen und reichte sie den beiden nach vorne. Die blickten mich überrascht an.

Das was einst war gewinnt. Hat immer gewonnen. Prost!“

Wir stießen an und tranken, bevor wir uns in die Arme fielen. Rouven und Bea, die hatte ich seit vier Jahren nicht mehr gesehen. Sie hatten sich verändert. Beate trug jetzt die Haare kurz und rot, dazu weite bunte Ethno-Klamotten, was ihr noch mehr Fülle verlieh. Rouven hatte seine Haare zu einem straffen Zopf geflochten, war stark abgemagert und trug so enge Sachen, dass es unangenehm war, ihn zu betrachten.

„Wo wollt ihr denn hin? Skandinavienurlaub?“, fragte ich.

„Nach Ystad. Ich hab eine Einladung von Franka bekommen“, sagte Rouven.

Nicht nur ich blickte ihn erschrocken an, sondern auch Beate.

„Was, du auch? Aber ich dachte, du wolltest zu deinem Job nach Stockholm. Hast du nicht vorhin so etwas erzählt, von wegen Immobilienbranche?“

Rouven kämpfte um seine Fassung und sagte: „Ja, fuck, ich wusste nicht, was ich sagen sollte, als du vorhin so plötzlich vor mir standest. Ich kam mir so blöd vor. Du siehst so gut aus, bist so erfolgreich, und ich hab doch seit drei Jahren nichts Vernünftiges mehr auf die Reihe gekriegt.“

Das schien ihm echt peinlich zu sein und Bea war so nett und nahm ihn in den Arm. So brauchte ich nicht zu sehen, wie er sich selbst bedauerte und vielleicht gar in Tränen ausbrach, sondern konnte in Ruhe drei neue Biere aus der Palette fischen.

Dann waren die beiden also auch nicht mehr zusammen. Beate war mal Frankas beste Freundin gewesen und so hatten wir etliche und endlose Abende zu viert verbracht. Waren zusammen im Kino, veranstalteten Siedler-Spielabende und waren gemeinsam um die Häuser gezogen. Eigentlich immer in Independent-Dissen, bis Rouven eines Abends mit einer Burzum-CD angerückt war und damit alles verändert hatte. Danach ließen wir uns piercen, fingen an, ungeschnittene Horrorvideos zu verlangen, und entdeckten den süßen Sog der Dunkelheit. Oder war Franka schuld gewesen mit ihren Pilzen aus Amsterdam?

Nachdem Franka verschwunden war, hatten wir noch ein paar Abende zu dritt verbracht, aber es war nur ein fader Abklatsch. Wir alle litten unter dem Gefühl der penetranten Abwesenheit eines wichtigen Bestandteils. Der Wohlfühlfaktor war definitiv verschwunden. Auch mit Rouven allein stellte sich keine Geselligkeit ein. Er war viel zu beschäftigt mit seiner Sorge, dass Beate ihn auf ähnliche Weise verlassen könnte wie Franka mich.

Bea fragte: „Na Kirk, bist du immer noch auf der Suche nach der einzig wahren esoterischen Theorie?“

„Hab ich aufgegeben. Nutzt eh nix, weil man letztlich sowieso immer nur seine eigene innere Leere findet. Und du, Bea, bist jetzt bei Radio Multikulti gelandet?“

„Nö, ich diene immer noch beim Deutschlandfunk. Aber wenn du auf meine Klamotten anspielen solltest, dann kann ich dir nur sagen, dass es mit über dreißig langsam peinlich wird, irgendwelchen Szenetrends zu folgen. Ich trag jetzt, was ich will, und tanz’ auf vielen Partys.“

Gute Einstellung, auch wenn ihre Partys wohl hauptsächlich in der Schokoladerie stattfanden. Schade, sie war früher so ein verdammt schlankes Mädchen gewesen.

„Ich bin Metaller geblieben!“, verkündete Rouven stolz. „Und jetzt geh ich mal für große Jungs.“

Bea und ich blickten ihm nach, wie er mit großen, leicht schwankenden Schritten davonlief. Er wollte so hart wirken und sah doch so verletzlich aus.

„Wann habt ihr euch denn getrennt?“, fragte ich.

„Boah, keine Ahnung, ist lange her. Er ging mir mit seiner Kontrollmacke so auf die Nerven, dass ich ihn irgendwann rausgeschmissen habe. Er ging so weit, dass er im Hygieneeimer im Bad nach Spuren meines Fremdgehens gesucht hat. Echt! Hab ich ihn bei erwischt. Dann kam er noch ein paarmal sternhagelvoll vorbei und hat vor der Tür gewinselt. Dann war Ruhe. Ich seh’ ihn heute auch zum ersten Mal seit Ewigkeiten. Weißt du, was Franka will?“

„Irgendetwas wird sie schon vorhaben. Zumal, wenn sie uns alle drei einlädt. Vielleicht ist sie sentimental geworden, vielleicht sehnt sie sich nach den alten Zeiten? Ich hab nie verstanden, was in ihrem Kopf vorgeht, und nach all den Jahren check ich das noch viel weniger.“

„Ich auch nicht. Und ich dachte immer, ich wüsste alles von ihr. Aber so kann man sich täuschen.“

Am Horizont tauchte Schweden auf.

 

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Bildrechte: BerlinFotografin.de  &  Mikis Wesensbitter

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