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Der Fluch des Ost-Struwwelpeters Part 2

Posted in - Bücher & Entertainment on Januar 12th 2018 0 Comments Struwwelpeter

Sie waren die bekanntesten Anti-Helden der DDR, sie wurden zum Gespött einer ganzen Generation Kinder und Jugendlicher. Aber was ist aus ihnen geworden? Ich habe mich auf die Spurensuche nach dem Tierquäler Matthias, dem Kaputtmacher Sigfried und den anderen Knallfröschen aus dem Buch: „So ein Struwwelpeter“ gemacht.

Teil 2: Der Mäkelfritze

Fritz F. war wohl von allen Figuren, die beim „Struwwelpeter“ mitspielten, am schlimmsten gestraft, um nicht zu sagen, er hatte die absolute Arschkarte gezogen. Die Kombination aus Stachelbeerhaut und Nahrungsunverträglichkeit konnte keiner der anderen toppen. Eigentlich sollte es leicht sein, so jemanden aufzuspüren, aber genau das Gegenteil war der Fall. Fritz F. war schon zu Ostzeiten spurlos verschwunden und tauchte auch danach nie mehr irgendwo auf. Ich startete einen Suchaufruf über die sozialen Netzwerke, der erfolglos blieb, bis eines Tages eine E-Mail bei mir eintraf. Von Fritz F.! Ich gebe seinem Wunsch entsprechend, seinen Brief hier nun ohne Veränderungen wieder.

Guten Tag Herr Wesensbitter,

man mag es wohl eher Zufall nennen, das ich ihre Suchanfrage gefunden habe, aber vielleicht war es auch kein Zufall, sondern sollte einfach so sein. Ich habe noch nie über die damaligen Ereignisse und ihre Folgen gesprochen, und wollte das ehrlich gesagt, auch nie tun. Aber sie haben recht, manchmal ist der richtige Zeitpunkt gekommen… Ehrlich gesagt weiß ich bis heute nicht, wie das alles gekommen ist. Ich hatte schon eine ordentliche Essstörung und war extrem mäklig, aber ich habe beileibe nicht nur Stachelbeeren gegessen. Ich mochte auch andere saure Sachen, wie Spreewaldgurken, Rollmöpse, Bismarckhering und Sülze in Aspik. Das war auf die Dauer natürlich nicht gesund und ich hatte diverse Hautprobleme. Meine Mutter hat mich von einem Arzt zum anderen geschleppt, schließlich landeten wir in der Charite bei Doktor Möglich. Der war mir überhaupt nicht geheuert, der hatte definitiv einen Knall. Er hat mir Tabletten und Spritzen verabreicht, die zunächst auch für eine Besserung gesorgt haben. Und dann bin ich eines Morgens wachgeworden und hatte überall diese widerlichen Stacheln. Meine Mutter hat mich sofort in die Charite eingewiesen und ich wurde das Versuchskaninchen für Doktor Möglich. Er hat die Stacheln abgeschnitten, mit Säure beträufelt, mir jede Menge Injektionen verabreicht, aber nichts half. Ich war nicht der einzige Zwangspatient auf der Station, ich erinnere mich noch an die Möhren-Hanka, die war orange und hatte grüne Haare und den Gurken-Dieter, wie der aussah, können sie sich vorstellen.

Weil ich wegen der Stacheln nicht sitzen konnte, wurde ich als Wache an die Stationstür gestellt, an mir kam keiner vorbei. Eines Morgens tauchte die Stasi auf und hat Doktor Möglich verhaftet. Danach wurde die Station aufgelöst. Meine Mutter schämte sich für mich und wollte mich nicht zurück, also kam ich ins Kinderheim. Dort stellten sie mich auch an die Tür, ich musste aufpassen, dass kein Kind flüchtete. So ging das eine ganze Weile, bis eines Tages Wolfgang Lippert ins Heim kam. Er suchte besondere Kinder für eine TV-Sendung und hat mich sofort engagiert. Ich bekam ein eigenes Zimmer in einer Wohnung vom Fernsehfunk, durfte essen was ich wollte und bekam aus dem Fundus einen Schaumgummianzug, der so dick war, das ich endlich wieder im liegen schlafen konnte. In der Wohnung wohnten noch drei andere, aber wir redeten nie miteinander und gingen uns aus dem Weg. Jeder von uns hatte sein eigenes Problem und schämte sich dafür.

Weil es mit der TV-Sendung nicht richtig voranging, stellte Lippert erstmal eine Revue zusammen, mit der er in Schulen auftreten wollte. Es war ein großes Fiasko. Lippert sang fürchterliche Lieder und danach musste einer von uns auf die Bühne, als abschreckendes Beispiel. Jörg, der sich selbst alle Zähne gezogen hatte, war das Putz-mir-nie-die-Zähne-Kind, Peter mit der Schuppenflechte am ganzen Körper, war der Wasch-mich-nicht-Junge und die magersüchtige Marlies war das Ich-esse-meine-Suppe-nicht-Mädchen. Die Schüler versteckten sich vor Angst und Schrecken hinter ihren Stühlen. Nur mich mochten sie. „Stachelbeermann-Stachelbeermann“ riefen sie, wenn ich auf die Bühne kam. Nach vier Auftritten war Schluss und die Revue wurde abgesetzt.

Und dann, im Frühjahr 1983 passierte das Wunder meines Lebens. Offensichtlich waren Gerüchte über mein Aussehen, bis nach Westberlin gelangt und ein englischer Künstler kam mich besuchen. Er war begeistert von mir und schaffte es innerhalb von drei Wochen mir einen Reisepass zu besorgen und mich mit nach England zu nehmen. Mehrere Monate saß ich jeden Tag Modell für Maler, Zeichner und Bildhauer. Ich hatte ja nie Englisch gelernt und verstand nicht, worum es bei der ganzen Sache ging, aber das Ergebnis sah ich 1985 zu ersten Mal im Kino, bei der Premiere des Films „Hellraiser“. Ich war ganz offensichtlich das Vorbild für Pinhead gewesen.

Zu diesem Zeitpunkt war ich schon ein ganz normaler junger Mann, die Stacheln waren wie von selbst verschwunden. Die Ärzte gingen davon aus, dass die Ursache für meine Erkrankung eine Mischung aus den Anabolika und Steroiden, die mir Möglich gespritzt hatte, und der pubertären Aufruhr in meinem Körper war. Nachweisen liess sich das aber nicht zweifelsfrei.

Und so war ich jung, frei und verliebt. Ich spürte keinerlei Verlangen, in die Ostzone zurückzukehren, sondern ging mit meiner Freundin Alice nach Neuseeland, wo ich heute noch wohne. Viel Glück für ihr Projekt und grüßen sie mir die alte Heimat.

Bildrechte: Beltz Verlag

 

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