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Teaser! Neue Geschichte! „Sehr apart mit Zervelat“

Posted in - Bücher & Entertainment on November 2nd 2015 0 Comments Dauerwurststilleben by Mikis Wesensbitter

 

Am Abendbrottisch verkündet Hagen seinen Eltern, dass er ab jetzt Vegetarier sein würde.

„Um Gottes willen“ sagte seine Mutter, die dachte das ist irgendwas politisches, und schüttelte verzweifelt ihren Kopf.

Sein Vater schaute ihn entgeistert an, lange über den Tisch und klatschte ihm volles Brett eine.

„Der Führer war Vegetarier, aber der hat wenigstens was geleistet. Mit so einem Mist fangen wir hier gar nicht erst an. Was kommt denn dann als nächstes? Dann beschließt du schwul zu werden?“

„Um Himmels willen!“ jammerte die Mutter auf und begann zu weinen.

„Ich-esse-kein-Fleisch-mehr! Basta!“ beharrte Hagen auf seiner Entscheidung und rieb sich die brennende Wange.

Der Vater überlegte kurz, ob der dem störrischen Blag gleich noch eine pfeffern sollte, entschied sich aber anders.

„Du bleibst so lange am Tisch sitzen, bis du drei Wurststullen aufgegessen hast! Mutti mach dem Lümmel mal ordentlich Leberwurst, Zunge und Hackepeter aufs Brot. Schön mit sauren Gürkchen oben drauf.“

Die Mutter machte sich sofort ans Werk. Den Rest des Abends saß die Familie dann schweigend am Tisch. Hagen weil er den Mist nicht essen wollte, der Vater weil er ja aufpassen musste, dass der Balg auch wirklich alles aufisst und nicht heimlich den Belag verschwinden ließ und die Mutter, weil sie zu verzweifelt war, um zu bügeln.

„Iss doch mein Junge, bitte. Ist doch gute Wurst!“ seufzte sie alle zehn Minuten. Und der Vater rülpste ab und an, wenn er einen großen Schluck aus der Wernesgrüner Flasche genommen hatte.

Um zehn verkündete der Vater: „Mutti, pack die Bemmen in die Brotbüchse, die kriegt er morgen zum Frühstück. Die Hackepeterschnitte gibste mir, die wird ja sonst noch schlecht.“

So ging es die nächsten Wochen weiter. Hagen weigerte sich Fleisch zu essen, der Vater bekam jeden Abend eine Extrawurst und die Mutter bekam vor Verzweiflung graue Haare in der Dauerwelle. Sie fuhr in die Kreisstadt und kaufte im Delikatladen ungarische Salami, sie ließ sich von ihrer Schwester in Braunschweig West-Wurst-Büchsen schicken, und versuchte es mit raffinierten Sülzen, Hagen blieb eisern bei seinem Entschluss. Hätten sie ihn gefragt, warum er kein Fleisch mehr essen wollte, hätte er ihnen eine Antwort gegeben. Aber sie fragten ihn nicht, auf so eine Idee kamen sie gar nicht.

Dann reichte es dem Vater, dessen Kollegen auf Arbeit sich schon über ihn lustig machten, wegen dem verrückten Sohn und er verkündete: „Jetzt ist Schluß mit lustig, Mutti du gehst morgen mit dem Blag zu Doktor Aulisch und läßt ihn untersuchen. So kann das doch nicht weitergehen! Und was soll das erst im Urlaub werden? Die werfen uns doch aus dem FDGB-Ferienheim raus, mit so einem Mäkelfritzen können wir uns da nicht doch nicht im Speisesaal blicken lassen!“

Doktor Aulisch war ein Mann der alten Schule. Grob, aufbrausend und ganz versessen auf rektale Untersuchungen. „Im Arsch zeigt sich die Wahrheit!“ pflegte er zu sagen. Nachdem die Mutter unter Tränen die Probleme ihres Sohnes geschildert hatte machte er sich an die Untersuchung. Hagen hatte durch sein fleischloses Leben in den letzten Wochen fast zehn Kilo abgenommen, dadurch hatte sein schwabbliger Quallenkörper sich in eine respektable Jungmannstatur verwandelt. Die Mutter war verblüfft, wie gut ihr Sohn aussah. Doktor Aulisch, achtet auf andere Details und pfiff durch die Zähne. „Das ist aber mal ein respekables Genital! Und was für pralle Klöten! Mein lieber Scholli“ Verschämt dreht sich die Mutter weg und Hagen bekam noch rötere Ohren, als sie vor Scham ohnehin schon waren.

„So und jetzt mal umdrehen, woll’n wir uns doch mal die Hintertür anschauen!“ kommandierte er und streifte sich Gummihandschuhe über. Nach der schmerzhaften, entwürdigenden Untersuchung, während Hagen sich wieder ankleiden durfte, fasste Doktor Aulisch seine Erkenntnisse zusammen: „Operieren müssen wir noch nicht, die Darmflora scheint auch noch intakt, aber ohne Fleisch hat der Junge natürlich jede Menge Mangel an Mineralien und Vitaminen und wird mal kein guter Soldat. Der braucht Fleischbrühe, Blutsuppe und frisches Wellfleisch. Das ist die beste Medizin! Und der Herr des Hauses soll dem Bengel mal erklären wie man sich ordentlich einen schrubbt, damit die Eier nicht platzen!“

„Siehste Junge, das hab ich doch die ganze Zeit gesagt! Mir glaubst du ja nicht, aber auf den Herrn Doktor wirst du ja wohl hören! Dann kaufen wir jetzt im Konsum gleich Wellfleisch für dich!“

„Ich ess kein Fleisch Mutter! Fleisch ist Mord! Und mir ist völlig egal was der perverse Kerl sagt! Das ändert gar nichts! Und ihr könnt mich nicht zwingen!“

Konnten sie nicht? Da kannte er aber seine Eltern und Doktor Aulisch schlecht!

Wie es weitergeht? Das erfahrt ihr nächstes Jahr, wenn mein neuer Kurzgeschichtenband mit dem (Arbeits)Titel „Mutti, warum, hat der Weihnachtsmann ein FDJ-Hemd an“ erscheint. Und bis dahin lest ihr einfach „Wir hatten ja nüscht im Osten…’nich ma Spaß!“

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