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AUF DER METALCOUCH MIT MIKIS WESENSBITTER (LEGACY # 100)

Posted in - Auf der Metalcouch on Januar 5th 2016 0 Comments

So ein Jubiläumsheft ist natürlich eine wunderbare Gelegenheit, um mal (wieder) entspannt zurückzuschauen. Mit meiner Dienstzeit von fast 16 Jahren und circa 90 Heften bin ich ja nur irgendwo im Mittelfeld platziert, vor mir die richtig alten Hasen, dafür hinter mir viele Spät(er)einsteiger. Eigentlich sollte es im Jahr 2000 nur ein Praktikum werden, aber irgendwie fand ich es dann in den düsteren, tageslichtfernen und nikotingeschwängerten Redaktionsräumen viel zu heimelig, um nach drei Monaten schon wieder zu gehen… Tja und nun bin ich schon seit einer Ewigkeit der Meister des Readers‘ Playgrounds und der Tourdaten. Ich glaube, wenn man die Tourdaten-Menge von 15 Jahren übereinanderlegt, hat man den Mond schon fast in Schlagweite. Und dann war da ja noch die Metal-Couch, die ich in einer nächtlichen Aktion in die Redaktion gebracht habe, und die von den späten Teeniejahren des Heftes bis über die 75. Wiederkehr des Legacys regelmäßig zum Lesen und Genießen einlud. Die Älteren unter den Lesern werden sich bestimmt noch erinnern. Ach, war das ein Spaß: Jahreszeiten, Osterhasen, freche Praktikantinnen und alkoholisierte Igel waren gern gesehene Gäste und eine (Fortsetzungs-)Geschichte gab es als Bonus immer noch obendrauf. Besondere Highlights waren natürlich immer die Weihnachtsgeschichten. Wenn ich mich recht erinnere, war die letzte Jahresendgeschichte eine extrem bizarre, denn da brachte der Weihnachtsmann die grauenhafte Band Wham zu einem Reunion-Gig mit in die heiligen Hallen, ließ sie „Last Christmas“ singen und danach tranken wir uns alle besinnungslos. Die Kopfschmerzen am nächsten Morgen waren so fürchterlich, dass ich daran lieber nicht denken möchte. Und deshalb wird das Weihnachtsthema diesmal außen vor gelassen! Lediglich ein paar skandinavische Julbiere dürfen sich im Kühlschrank tummeln und für gute Laune sorgen. (Wer neugierig geworden ist, kann sich die alten Ausgaben im Legacy-Shop nachbestellen, digital gibt es einen Großteil der Metal-Couch-Kolumnen auf www.wesensbitter.de.)

Mit 38 Teilen war „Hört Franka eigentlich noch Black Metal?“ die längste Fortsetzungsgeschichte der Metal-Couch-Historie und immer mein absolutes Lieblingsprojekt. Der wohl schrillste Teil dieser Geschichte entstand, nachdem ich mit der Hebamme nach der Hausgeburt mit Calvados angestoßen hatte, Mutter und Kind selig schliefen und ich mich an den Computer setzte. War ja schließlich Redaktionsschluss, und Redaktionsschluss war (und ist) eine Frage der Ehre! Ohne die Metal-Couch fehlte mir richtig was, mein Biorhythmus kam völlig aus dem Gleichgewicht, aber Veränderungen gehören zum Leben dazu, und es wäre ja auch langweilig, wenn immer alles gleich bleiben würde. Ich schreib keine Metal-Couch mehr, dafür Bücher. Und damit wäre jetzt der Bogen geschlagen.

Lasst uns anstoßen, auf das coolste Metal-Magazin der Welt! Lasst uns das 100. Legacy feiern, und wer noch nicht richtig betrunken ist, der kann jetzt einen exklusiven Auszug aus meinem neuen Buch lesen! Das spielt 1989 in Ostberlin und handelt von einen jungen Mann, der ganz zufällig genauso heißt wie ich und sich durch die letzten Monate der DDR trinkt, lacht und schläft (wahlweise alleine, oder in Begleitung…).

Genießt das Leben in vollen Zügen, vergesst die guten Vorsätze fürs neue Jahr am besten jetzt schon und vor allem mögen die Brauereien Eures Herzen im emotionalen Gleichgewicht erstrahlen!

 

„Wir hatten ja nüscht im Osten… ‚Nich ma Spaß!“ von Mikis Wesensbitter

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Sonntag, 01.01.1989

Neues Jahr, neues Glück!? Die Kopfschmerzen sind nicht weniger ätzend als im alten Jahr. Neujahrsessen bei Mutter. Onkel Kurt, die Stasiratte, will unbedingt anstoßen. Auf das 40. Jahr unserer Republik. Mir is eh schlecht, da ist es egal, worauf ich trinke.

 

Dienstag, 03.01.

Nach der Schicht mit Dario im Elsen-Eck getroffen. Er ist ganz aufgeregt und will ’ne neue Band gründen. Den ersten Text hat er schon fertig.

Graue Mauern, schwarze Saat,

wo ist die Farbe in diesem Staat?

Rote Fahnen, braune Brut,

der Vopo-Terror tut nicht gut.

„Is‘ das zu politisch?“, fragt er.

 

Freitag, 06.01.

Abends Freundetreffen in der Broilerbar. Dario hat seinen zweiten Text fertig:

Tote Männer, tote Frau‘n,

niemand kann man hier noch trau’n.

Keine Ziele, keine Träume,

wir verwesen ohne Freiräume!

Na ja, irgendwie ist das auch wieder nicht die Erleuchtung. Im Schmenkel ist Disco und ich lass mich von der Roten-Rita angraben. Wir trinken Cola-Apricot, bis wir nicht mehr gerade stehen können und gehen irgendwann zu ihr. Als wir im Bett liegen, sagt sie: „Boah, du hast ja ’nen urst schauen Pullermann!“

Nach diesem Spruch ist er zwar immer noch schau, aber nicht mehr groß.

 

Freitag, 13.01.

Freitag, der 13.! Da bin ich immer ganz besonders vorsichtig. Der Morgen fühlt sich aber normal an. Den ganzen Tag auf die Schreibmaschine eingehämmert.

Im Schmenkel spielen Wartburgs für Walter. Die sind ziemlich cool. Ich tanze und hab irgendwann eine Zunge im Ohr. Die Rote-Rita. Sie verspricht, nie wieder das P-Wort zu sagen. Wir gehen zu ihr und mit einer Flasche Rotwein ins Bett. „Fühl mal, wie feucht mein Flansch ist“, sagt sie.

Treffer. Ich werde nie wieder mit der mitgehen!

 

Donnerstag, 26.01.

Im Eisenbahner mit Dario getroffen. Er hat seine Texte überarbeitet.

Graue Mauern, schwarze Saat,

Tempolinsen, Stacheldraht!

Rote Fahnen, braune Brut,

der Vopo-Terror tut nicht gut.

„Na ja, das mit dem Vopo-Terror ist irgendwie zu billig. Damit kommste auch nirgendwo durch“, sag ich zu ihm.

„Mist, das dachte ich mir schon! Ich hab jetzt übrigens die Band zusammen. Wir werden so eine Mischung aus Speed Metal und Folk Punk spielen. Das wird geil!“

„Sind die anderen Jungs sauber? Überprüf das, bevor du denen deine Texte zeigst. Du weißt, wie das sonst endet.“

„Ja die sind alle cool!“

 

Donnerstag, 02.02.

Dario holt mich von Arbeit ab. Irgendwas stimmt nicht. Er ist voll auf Paranoia. Im Elsen-Eck bestellt er Doppelkorn für uns beide. Das macht er sonst nie. „Voll die Scheiße“, sagt er und kippt beide Schnäpse. Ist mir recht.

„Bei der dritten Probe kamen die Bullen. Die wussten alles: staatsfeindliche Hetze, antisozialistische Propaganda, asozialer Lebenswandel. Drei Tage U-Haft.“

„Ich hab dir gesagt, du sollst die anderen Jungs überprüfen, bevor du loslegst!“

„Hab ich doch, Mann!“

„Offensichtlich aber nicht richtig“, sage ich und bestelle mir ein frisches Bier. Ab sofort steht Dario auf meiner Stasi-Virus-Inkubations-Liste. Und zwar ziemlich weit oben.

 

Sonnabend, 11.02.

Billy Bragg im Palast der Republik. Torsten hat im Intershop ein paar Schultheiss-Büchsen geholt und wir haben Westler-Image. Was total albern ist, weil die Hälfte der Leute uns ja sowieso kennt. Mir schmeckt das Zeug auch gar nicht. Das Konzert ist okay, aber vor drei Jahren fand ich ihn besser. Kathi und ihre Freundin Anne kommen später dazu und nach dem Konzert gehen wir ins Nante-Eck.

Ich verknall mich total in Anne. Die ist sooo schön. Wir gehen zu ihr, liegen im Bett und hören Latin Quarter.

„Verlieb dich nicht in mich“, sagt sie.

„Zu spät“, sag ich.

„Ich warte auf die Ausreisepapiere. Kann sein, dass ich bald weg bin.“

„Aber jetzt bist du ja noch da, oder?“

„Ja, heute Nacht auf jeden Fall noch.“

 

Sonntag, 12.02.

Ich will nicht aufstehen, ich will keine Realität und keinen grauen Ostberliner-Sonntag. Anne offensichtlich auch nicht. Also bleiben wir einfach im Bett.

Später laufen wir Hand in Hand die Schönhauser Allee entlang und sehen der trüben Sonne beim Untergehen zu.

„Lass uns in den Schusterjungen gehen. Da war ich früher immer mit meinen Eltern“, sagt sie.

Ich würde mit ihr überall hingehen. Sie bestellt Schnitzel, ich Blutwurst. Später bringt sie mich zur Straßenbahnhaltestelle und wir küssen uns lange im Nieselregen.

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